Kollektiv

A: ǧam‛. – E: collective. – F: collectif. – R: kollektiw. – S: colectivo. – C: jiti 集体

Peter Jehle

HKWM 7/II, 2010, Spalten 1108-1116

Auf dem steinigen Weg zum »Verein freier Menschen«, in dem die »vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft« verausgabt werden (K I), erprobt das K eine kommunale, die dominante Orientierung am privaten Vorteil überwindende Arbeits- und Lebensweise. Es steht für den Versuch, die Reise durchs »Reich der Notwendigkeit« so zu organisieren, dass sie allen zum Vorteil gereicht. Der Subbotnik, der freiwillige Arbeitseinsatz, historisches Vorbild kollektiver Anstrengung, wurde von Lenin in einem Artikel vom Juni 1919 unter dem Titel Die große Initiative – »groß«, weil von unten beschlossen und durchgeführt – als ein »Sieg über die eigene Trägheit« (…) begeistert begrüßt. Doch scheinen die mit dem K verbundenen Erfahrungen unwiderruflich an den 1989 untergegangenen Staatssozialismus gekoppelt. »Privat geht vor Katastrophe«, hieß es am Ende resigniert; die Verluste an kollektivem Zusammenhalt wurden erst in der Folge deutlich. Allein als ›Team‹, das durch höhere Produktivität zu überzeugen vermag, weil es die gegen andere »corporate identities« gestellte ›Eigeninitiative‹ anstachelt, ist das K noch erwünscht. Statt den einzelnen der Gruppe, wie der bürgerlich-individualistische Alltagsverstand nahelegt, oder umgekehrt die Gruppe dem einzelnen überzuordnen, wie ein von oben autoritär bestimmtes ›Wir‹ verlangt, trägt Brecht der Dialektik von Individuum und K Rechnung: »Wodurch wird die ›Eigenheit‹ des einzelnen garantiert? Durch seine Zugehörigkeit zu mehr als einem Kollektiv.« (…) Die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns angesichts eines übermächtigen Gegners, die Bildung eines »Kollektivwillens«, wie Gramsci sagt, ist grundlegend für das Sich-Herausarbeiten aus Subalternität: »der Kampf um die Befreiung von aufgetragenen und nicht autonom angetragenen Prinzipien, um das Erreichen eines autonomen historischen Bewusstseins« (Gef). Wie die Chance einer sozialistischen Umwandlung an die Voraussetzung einer Aktionseinheit unterschiedlicher Organisationen, mithin an mehr als nur ein K gebunden ist – an die »Gesamtheit der Kräfte der Arbeit und der Kultur«, wie Santiago Carrillo bei der Berliner Konferenz der kommunistischen Parteien Europas 1976 sagte –, so die »Verbindlichkeit« der Organisation an die »Einsicht« denkender Individuen (Haug 1976).

Arbeiterselbstverwaltung, Assoziation, aufrechter Gang, Basisgruppen, Disziplin, Erinnerungsarbeit, Eurokommunismus, Gemeinschaft, Gemeinwesen, Genosse, Hierarchie/Antihierarchie, Ich, Individualismus, Individualität, Individuum, Jeans, K-Gruppen, Kinderladen, kollektive Erinnerung, kollektives Handeln, Kollektivierung, Konformismus/Nonkonformismus, Konkurrenz, Kooperation, Organisation, Persönlichkeit, privat/gesellschaftlich, Produktivkräfte, Sektierertum, Selbstbestimmung, Selbstkritik, Selbstorganisation, Solidarität, sozialistische Moral, Wir, Zivilgesellschaft

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